Am 21. März ist Welt Down-Syndrom Tag!!!




Freitag, 27. März 2009

Aufarbeitung

Ein heutiges Erlebnis hat mich emotional sehr aufgewühlt und einen Prozeß in Gang gesetzt, dem ich mich nicht entziehen kann. Um meinen Kopf frei zu bekommen, schreibe ich jetzt meine Gedanken hier nieder:

Ich habe von einer Frau erfahren, die ihr erstes Baby erwartet und sich trotz Diagnose Trisomie 21 und vieler, bitterer Tränen für dieses Baby entschieden hat.

Den ganzen Tag über hatte ich feuchte Augen - vor Freude darüber, dass dieses Kind auf die Welt kommen darf und in Erinnerung an die vielen geweinten (heimlich nachts) und ungeweinten (tagsüber mit aufgesetztem Clowngesicht für unsere Tochter) Tränen in meiner eigenen Schwangerschaft.

Vor einem Jahr war Jonas noch in meinem Bauch, es waren noch ein paar Wochen bis zur Geburt.
Seit Anfang 5ten Monat mußte ich wöchentlich zum Ultraschall, weil ich mich mit Ringelröteln infiziert hatte. Die ständige Angst, dass meinem Baby etwas passiert, hatte mich schon arg mürbe gemacht. Dann teilte mir der Arzt den Verdacht auf DS mit; mehr als einen Verdacht hatte ich nicht, da eine Nabelschnurpunktion zu diesem Zeitpunkt viel zu gefährlich gewesen wäre. Ich hätte es auch nicht gewollt, es hätte nichts geändert, nicht eine Sekunde habe ich darüber nachgedacht, dieses Kind nicht zu wollen, ich liebte es doch!!!
Aber ich bekam Angst, schreckliche Angst!!!

In meinem Leben hatte ich nicht viele Berührungspunkte mit Behinderten und die, an die ich mich erinnern konnte, waren negativ geprägt. Und diese Bilder hatte ich jede Nacht vor Augen, wenn ich mich in mein Kissen weinte:

Bilder aus den 70ern, die man damals in den Zeitschriften von DS-Kindern sah - eine völlig veraltete Vorstellung, zumal die Bilder nie etwas Positives ausstrahlten und die Förderung dieser Menschen seinerzeit ja noch ganz anders aussah.
Der schwer geistig behinderte (junge?) Mann unbestimmten Alters, an dem wir auf dem Schulweg immer vorbei mußten. Dieser war leicht agressiv und ging mit seinem Opa spazieren. Manchmal stand er allein vor dem Haus, lautierte und gestikulierte wild.... wir hatten Angst vor ihm, wechselten die Straßenseite, später den Schulweg.
Ein Besuch, ich war in der 4.ten oder 5.ten Klasse, in einer Behindertenwerkstätte für Jugendliche. Damals gab es kaum Aufklärung, wir fuhren einfach dorthin, sollten mit den Jugendlichen dort zusammen ein paar Stunden arbeiten, zwischendurch zusammen mit ihnen essen. Ich weiß nur noch, dass ich total überfordert war mit dieser Situation.

Und nun stand ich da und sollte selbst eventuell ein behindertes Kind bekommen....
Wie würde es aussehen, würde ich es annehmen, könnte ich es liebhaben, würden wir das schaffen, meine Ehe das aushalten, unsere Freunde weglaufen, Spießrutenlauf durchs Dorf????
Fragen über Fragen, die mich nervlich ziemlich an den Rand brachten!
Was mir ein bißchen über die Zeit bis zur Geburt half war, dass ich Jonas jede Woche im Doppler sehen durfte und dort sah er völlig normal aus.

Wenn ich nur zu diesem Zeitpunkt gewußt hätte, dass ich mich so unnötig gequält habe, hätte ich die letzten Schwangerschaftswochen vielleicht genießen können.Wenn mir nur jemand gesagt hätte, dass ich erstmal nur ein Baby bekomme, ein supersüßes Baby, das seine Mama bedingungslos liebt und braucht und alles andere später kommt, man mit dem Baby zusammen in das Thema hineinwächst...

Dann kam die Geburt:
Die Versorgung ließ nach und ich sollte zur Kontrolle in die Uni-Klinik. Ich hatte auch schon leichte Wehen. Es wurde beschlossen, die Geburt einzuleiten (3 Wochen vor ET) und auch hier wieder der Verdacht: DS. Trotz Einleitung und eigener Wehen dauerte es endlose 27 Stunden! Meine Freundin, die auch dabei war, sagte irgendwann "du mußt ihn loslassen, sag jetzt ganz laut, dass Jonas rauskommen soll!" Es dauerte, aber dann konnte ich es sagen. Heute weiß ich, dass ich Angst davor hatte, ihn zu sehen.
Dann war er da, mein süßer kleiner Sohn. Lag auf meinem Bauch, "dockte" an und alles war genauso, wie damals bei unserer Großen. Grenzenlose Liebe!
Die U1 bestätigte den Verdacht (einige Tage später hatten wir es auch schriftlich, aber das hat uns nicht mehr belastet), einige Minuten habe ich laut geflucht und mit allem und jedem gehadert... und dann war es vorbei. Keine Angst mehr. Wir nahmen ihn so an, wie er war.

Heute? In wenigen Wochen feiern wir Jonas 1. Geburtstag und sind glücklich, ihn zu haben!
Er ist so ein lieber, pflegeleichter, fröhlicher Junge, dessen Charme sich kaum jemand entziehen kann. Klar haben wir auch Streß durch die vielen Termine (Arztkontrollen, Krankengymnastik etc.) und weil er oft lange Infektionskrankheiten hat. Einige Bekannte/Freunde habe ich mit dem Rotstift gestrichen (dafür nette,ehrliche neue Kontakte gefunden), Sorgen um seine Zukunft machen manchmal wehmütig, aber wir erleben mit ihm und durch ihn auch so viel Schönes und Positives! Es ist Alltag geworden, halt ein bißchen anders, als wir es vorher kannten, doch ich kann mir unser Leben ohne Jonas schon gar nicht mehr vorstellen und will es auch nicht! Never!

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Lord Schelmchen